schluesselworte

schluesselworte
abgelegt und fortgegangen (c) Dieter Vandory

Freitag, 12. Juli 2013

Selbstverständlich?


Der Tag klingt im Bouquet eines Württembergers aus. Lieblich senkt sich die Nacht über die ausdampfende Sommerstadt. Eingebettet in den Duft von Lavendel und Petunien wiegen sich die Gedanken ein. Kein Geräusch stört die nächtliche Zwiesprache mit mir selbst auf dem Balkon der Träume.

Ich habe heute etwas getan, wofür ich vor zweiunddreißig Jahren, in einem anderen Leben, das ich auch nach so langer Zeit nicht abstreifen kann, im Knast gelandet wäre. Verhört, gedemütigt … Schlimmeres nicht ausgeschlossen.
 
Dass ich heute auf die Straße gehen durfte, um meinen Unmut zu äußern, ein Zeichen zu setzen gegen drohendes Unrecht und gleichzeitig meine Solidarität zu bekunden mit denjenigen, die für mich etwas tun, die ihre Zeit und ihren Kopf hinhalten, damit Recht Recht bleibt und das alles ohne Gefahr zu laufen, im Knast zu landen, das ist nicht selbstverständlich.

Es ist ein von Frauen und Männern erkämpftes Recht, das Eingang gefunden hat in unsere Demokratie. Selbstverständlich ist das also nicht. Und ich habe heute erfahren dürfen, wie es sich anfühlt, Teil einer Geschichte zu sein, die sich täglich neu fortschreibt.

Ein gutes Gefühl in der einbrechenden Dunkelheit – ausnahmsweise mal nicht metaphorisch gemeint.
 
 
 
/c/ monika Kafka, 07/13

Kommentare:

  1. Liebe Monika, ja es ist schön, in diesem Land die Meinung loswerden zu dürfen. Demonstrationen jeglicher Art gehören inzwischen zu unserer Kultur. Nur, hören "die da oben" überhaupt noch zu?
    Ich denke, Tarifverträge werden schon seit über zwanzig Jahren durch unsere jeweiligen Regierungen zersetzt. Erstens hätte man damals die Leihfirmen, die mit ihren Minimallöhnen normale Arbeitsverhältnisse unterwandert haben, verbieten sollen. ALLE Arbeitnehmer sind durch die Existenz von Leiharbeiterfirmen erpressbar geworden. Zweitens macht die aktuelle Regierung den Fehler, Stundenlöhne (Mindestlöhne) von achteuronochwas zu legalisieren. Verbieten sollte man das. Kein Familienoberhaupt kann damit seine Familie ernähren, bzw. ihr was bieten - noch weniger seinen Kindern ein Studium ermöglichen. Normale Bürger werden zu Bettlern - ordentlich ausgebildete Arbeitskräfte werden (wiederum zu niederigeren Löhnen) aus dem Ausland geholt.
    Nun, wir dürfen am Wahltag mit unseren Kreuzchen das geringere Übel wählen (selbst da sind wir uns nicht mehr sicher) und unsere Meinung sagen. Aber ich denke, mitreden dürfen wir schon lange nicht mehr.
    Und ja - wenigstens dürfen wir für unsere Meinung noch nicht bestraft werden.

    Herzliche Grüße,
    Michael

    PS: Danke, liebe Monika!

    AntwortenLöschen
  2. ... Geschichten wiederholen sich ... geschehenes aus der Vergangenheit findet (wegen Vergesslichkeit und mangelnder Lernfähigkeit) unter dem Prinzip der Veränderung ihre Fortsetzung mittels neuer Technologie des ommunikationszeitalters.
    Also: nichts Neues in der Entwicklung der Menschheit, geprägt und gezeichnet durch Machtansprüche mit all ihren Auswirkungen wie: Eroberungen (Kriege) und Ausbeutung
    der Abhängigen von der Obrigkeit.
    Und dazu gibt es ein markantes Beispiel vom sozialkritischen Schriftsteller Jack London:

    Monolog eines Überlebenden einer ausgelöschten Zivilisation an die Nachfolge-Generation
    Der Menschen flüchtigen Systeme zerfallen wie Schaum. All die Plackerei des Menschen
    auf diesem Planeten war nichts als Schaum. Er domestizierte die nützlichen Tiere, reduzierte
    die feindseligen Raubtiere und befreite das Land von der wilden Vegetation zugunsten der
    gezielten und Gewinn-orientierten Landwirtschaft.
    Und dann verschwand der Mensch - dahingerafft durch seine überhebliche Weltherrschaft.
    Die machtvolle Flut des urzeitlichen Lebens, reich und stark durch gemachte Erfahrungen,
    kehrte zurück und spülte der Menschen Werke davon. Nicht degenerierte Pflanzen und
    Urwälder überwucherten die vom Menschen kultivierten Landstriche.

    Die menschliche Rasse ist durch ihren Unverstand dazu verdammt, tiefer und immer tiefer
    in primitive Finsternis zu versinken, bevor sie schließlich ihren blutigen Aufstieg zu den Höhen
    der Zivilisation erneut beginnen wird.
    Wenn das Wachstum der Völker ungeregelt voranschreitet und der Lebensraum enger wird,
    werden sie wieder in alte archaische Handlungen verfallen und sich im Exsitenzkampf
    einander blutig bekriegen.

    Die gleiche alte Geschichte wird wieder von vorn beginnen. Die Menschen werden sich vermehren,
    und sie werden sich bekämpfen.Die wiederentdeckte Technik wird sie befähigen, einander millionenfach
    zu töten, und nur so, durch Feuer und Blut, wird sich eines Tages eine neue Zivilisation entwickeln.
    und was wird das nützen ? Wie die alte Ordnung verging, wird auch die Neue vergehen.
    Vielleicht dauert es fünfzigtausend Jahre, sie zu errichten; aber sie wird vergehen.
    VERÄNDERUNG ist ein Grundprinzip. Was bleibt, ist die kosmische Kraft und die Materie, in steten Fluß,
    agierend, reagierend, die ewig gleichen Archetypen hervorbringend : Den Knecht, den Soldaten, den Priester,
    den Herrscher. Aus dem Munde der Kinder kommt die Weisheit der Ewigkeit.
    Einige werden kämpfen, einige werden herrschen, einige werden beten, und die übrigen werden sich plagen
    und schinden, und auf ihren blutenden Leibern wird sich wieder und wieder, in endloser Folge, der Zustand
    der Zivilisation erheben, in all seiner Schönheit und seinem Zauber.
    Es ist unwichtig, ob das gesamte Wissen der Menschheit erhalten bleibt oder vernichtet wird, denn ob etwas
    besteht oder vergeht: Man wird die alten Wahrheiten doch wiederentdecken, die alten Lügen nochmals erfahren
    und weiterreichen. Was ist der Nutzen bzw. der Sinn von all dem ...
    (aus: Jack London / „Die Scharlachpest“ ; gek., mod. u. erg. v. A.K.)

    AntwortenLöschen
  3. ich danke den herren für ihre tief gehenden Überlegungen und anmerkungen.
    es bleibt spannend.

    herzlich euch,
    monika

    AntwortenLöschen