schluesselworte

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abgelegt und fortgegangen (c) Dieter Vandory

Freitag, 30. November 2012

Schwerer Gang



"Welch ein Kontrast, finden Sie nicht auch?“

Überrascht, beinah erschrocken blickte sich Scarlett um. Hatte der Mann, der plötzlich hinter ihr stand, tatsächlich zu ihr gesprochen?

In den Räumen der Pinakothek befanden sich um diese Uhrzeit nur wenige Besucher. Aus diesem Grund verbrachte sie, nachdem sie rasch eine Kleinigkeit gegessen hatte, ihre Mittagspausen gerne hier. Genoss die Ruhe in den klimatisierten Räumen. Ließ sich von Saal zu Saal treiben. Oder machte es sich auf einem der Ledersitze bequem. Manchmal vertieft in den Anblick eines Gemäldes. Hin und wieder auch schon in eine anstehende Verhandlung, die sie als Leiterin der Bank nebenan erwartete.

„Wie meinen Sie das denn?“, fragte sie und musterte gleichzeitig ihren ungebetenen Gesprächspartner. Groß. Dunkle Haare. Wache Augen. Gut gekleidet.

„Ich meine, wir stehen hier in einem angenehmen lichtdurchfluteten Raum, auf tadellos gebohnertem Parkett, sind satt und müssen nicht frieren. Und starren auf dieses finstere Bild aus einer anderen Zeit.“

Scarlett fühlte sich mit einem Mal wie ertappt, ohne dass sie genau hätte sagen können, wobei. Und wodurch. Sie merkte nur, dass ihre Füße in den Highheels plötzlich schmerzten, das Prada Kostüm war ihr unangenehm. Sie schwitzte. Zog aus ihrer eleganten Handtasche ein Taschentuch, mit dem sie sich die Stirn abtupfte.

„Und dennoch hat sich nichts wirklich verändert“, fuhr der Mann neben ihr fort. Wandte den Blick von ihr ab und wieder Uhdes Bild zu.

„Also, hören Sie mal, wir leben im 21. Jahrhundert. Was sagen Sie denn da? Natürlich hat sich was verändert, oder laufen Sie immer noch durch die Dunkelheit auf unbefestigten schlammigen Wegen?“, entgegnete sie mit hochmütigem Blick. „Tragen Ihre Habseligkeiten auf dem Rücken, weil Sie keine Arbeit und deshalb keine Bleibe haben und stützen zudem Ihre Frau, die sich fürs Kinderkriegen entschlossen hat, statt etwas zu lernen. Jeder wie er will, nicht wahr.“

Warum nur dieser aggressive Unterton in meiner Stimme, wunderte sie sich. Und ärgerte sich insgeheim darüber, kam er ihr doch wie ein halbes Eingeständnis vor.

„Erlauben Sie“, sagte der Mann und seine Stimme klang weich. Zog mit feingliedrigen Fingern aus seiner Geldbörse eine Visitenkarte und überreichte sie ihr.

„Abdul Farad, Architekt. Sollten Sie zufällig eine Wohnung oder ein Haus zu vermieten haben und sollten Sie gewillt sein, das auch an einen derzeit arbeitslosen Vater von drei Kindern zu tun, so würden meine Frau und ich uns sehr glücklich schätzen. Schlammige Wege und Dunkelheit“, sagte er mit einem letzten Blick auf Uhdes Gemälde, „müssten heute wahrlich nicht mehr sein“.
Nickte ihr freundlich zu und verließ den Raum.




http://www.pinakothek.de/fritz-von-uhde/schwerer-gang


/c/ monika kafka, 11/12

Kommentare:

  1. hach! wieder so tiefgründig genau auf den punkt gebracht.
    hab ich dir schon einmal gesagt, dass ich deine prosatexte so sehr mag? *gg*

    ganz lieben gruß
    von der lintschi

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  2. ja lintschi, das hast du mir gesagt und ich bin sehr froh, dass ich dich offensichtlich ein mal mehr nicht enttäuscht habe.

    hab dank für deine so schnelle rückmeldung!

    deine mo

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  3. Deine Prosatexte sind der Teil Deiner künstlerischen Ader, die ich immer wieder gerne lese.

    Einen kleinen Punkt möchte ich gerne anbringen: den Namen deiner Protagonistin. Mir hätte es besser gefallen, wenn Du den Text in deinen "Marlene-Zyklus" integriert hättest :-)

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    1. was für eine tolle überraschung, thom, ich freu mich riesig, dich hier zu lesen.

      diese geschichte "passt" leider nicht zu meinen marlene-geschichten, die alle in einem kleinen teil autobiographische züge tragen.
      diese geschichte ist tatsächlich rein fiktiv und wenn es auch für den leser keinen unterschied macht, für mich besteht er dennoch und da geht der name marlene einfach nicht.

      außerdem verbindet man mit scarlett seit vom winde verweht einen ganz bestimmten frauentypus und genau das war mir hier wichtig: die leicht arrogante, zickige und doch auch sensible frau, die stark sein muss.

      hab dank!

      deine monika

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  4. Geniale Interpretation der Weihnachtsgeschichte.
    Andere Zeit: Vom Zimmermann zum Architekten - vom schlammigen Weg zum gebohnerten Boden der Pinakothek.
    Und doch - das Bild hat Spiegeleffekt.
    Liebe Monika, Du spielst mit beiden Seiten unserer Fassade - einfach toll!

    Liebe Grüße! Eine besinnliche Adventszeit an alle in Deinem Forum!
    Michael

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    1. oh lieber michael, ich bin begeistert über deine sicht auf meine kleine geschichte!
      ja ja ja ...

      hab dank und liebe grüße in eine hoffentlich schöne friedliche adventszeit,
      monika

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  5. Liebe Mo,

    hier bringst du alles Licht in die Dunkelheit, deckst gekonnt auf, schlägst mit Wortes Waffen - kurzum - genial!!!

    herzlichst,
    Edith

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    1. liebe edith,

      hab dank, du treue leserin, dass du hier immer wieder kommentierst.

      ich freu mich sehr und wünsche dir eine schöne besinnliche vorweihnachtszeit,
      herzlich,
      mo

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  6. liebe monika,
    die wende, die deine geschichte nimmt, finde ich gut und ich kann mich hier der ansicht anschließen, dass es sich um eine aktualisierte weihnachtsgeschichte handelt. einen kleinen kritikpunkt würde ich aber gerne anbringen: den satz "jedem das seine" finde ich bedenklich. sei mir nicht böse, aber ich denke, du schätzt eine ehrliche meinung.
    herzlichst deine elisabeth

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  7. liebe elisabeth,

    wie schön, dass du wieder zeit gefunden hast, hier zu lesen und ein paar worte zu hinterlasseb. ich danke dir dafür innig.
    und selbstverständlich schätze ich eine ehrliche meinung, dennoch fürchte ich, dass ich nicht verstehe, worauf du hinaus willst. wieso siehst du diesen satz als bedenklich an?
    er passt meiner meinung nach zu diesem arroganten, oberflächlichen wesen - wenn auch ganz leise andere töne in ihr anklingen ... sie weiß, dass sie im grunde genommen irrt, das halbe eingeständnis, heißt es im text, oder anders gesagt sie spürt, dass ihr gegenüber recht hat damit, dass sich im grunde nicht viel geändert hat.
    wo also ist das problem?

    liebe grüße, herzlich,
    deine mo

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    1. Gegen das synonyme und ebenso bündig-patzig verwendbare "Was ihr wollt" zum Beispiel gäbe es wohl nichts zu einzuwenden. Dem kleinen Ganzen, dass Dir, liebe Monika, hier sonst ausgesprochen geglückt ist, wäre das dann womöglich auch in jeder Pointe.

      Einen schönen ersten Adventsgruß
      von Leo

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    2. lieber leo,

      hab dank - vor allem für den auch andernorts vorgebrachten hinweis, der mir die augen geöffnet hat.

      mir war der zweifelhafte beigeschmack der wendung, die ja aus der antiken rechtssprache stammt, nicht bewusst.
      deshalb und weil ich natürlich diesen zusmammenhang keinesfalls möchte, abgesehen davon, dass er in meiner geschichte auch in keinster weise in jene richtung geht, werde ich den satz streichen bzw. abändern.

      liebe andventsgrüße auch dir,
      monika

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    3. liebe elisabeth,

      jetzt habe ich verstanden, siehe meine antwort an leo.
      da war ich wohl etwas zu blauäugig bzw. hab einfach nicht genauer recherchiert, was diesen, von dir angesprochenen satz anbelangt.

      ich werde ihn ändern.

      vielen dank nochmals aufs aufmerksam machen,
      monika

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    4. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  8. allererste sahne, meine liebe! da sitzt jedes wort.
    deine di

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    1. danke herzlichst, meine liebe di, das freut mich!

      deine mo

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  9. liebe mo,

    ja, aus der wärme fällt es einem leichter, in die kälte zu starren...
    eine feine geschichte und sehr gerne gelesen

    liebe grüße
    deine gabriele

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  10. liebe gabriele,

    wie schön, dich hier wieder zu lesen, heißt es doch, dass du die worte wieder findest und die worte dich hoffentlich auch - ich freu mich, hab dank.

    liebe grüße zum 1. advent,
    deine mo

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  11. liebe monika,
    es freut mich, dass du meinen kommentar auf den zweiten blick richtig verstanden hast. der besagte satz wurde ja nicht nur in der antiken rechtssprechung benutzt, sondern in anderen, dunkelsten zeiten auf menschenverachtende weise verwendet. schön, dass du ihn abgeändert hast. nun ist es wirklich ein gelungener text!
    liebe grüße
    deine elisabeth

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  12. liebe elisabeth,

    ich habe ihn nicht ohne "nachhilfe" verstanden, wie ich ja schrieb.
    nun ist ja alles gut.
    frau darf auch mal irren und kann das auch zugeben.

    liebe grüße,
    monika

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  13. Ich möchte meinen Gedanken dazu auch noch äußern.
    Zugegeben, auch ich bin über diesen Satz gestolpert.
    Aber nur sehr kurz!
    In mir beginnt es dann zu brodeln.
    Warum immer wieder diese Vergangenheit von einer Generation aufbrodeln lassen und sie an einem Satz in heutiger Zeit festmachen.
    In mir breitet sich immer mehr der Gedanke aus, dass dies kein anderes Land macht, nur Deutschland.
    Ich will um Gottes Willen diesen Teil der Vergangenheit nicht runter spielen, habe einen Vater, der 94 ist, also mittendrin stand, den rechten Arm verloren hat, in der Vergangenheit.
    Als er es hörte (ich habe es ihm vorgelesen), sagte er, *warum stellen die Menschen dazu den Vergleich her, der Satz ist heute doch genauso wichtig, gerade in dieser heutigen Zeit. Mir tut dieser Satz nicht mehr weh.Vor allem dürft ihr, die nächste Generation, doch keine Schuldgefühle hegen, für etwas, woran ihr nicht Schuld seid. Aufgearbeitet wurde doch schon Jahrzehnte. Deshalb kann man nichts rückgängig machen. Und, das hoffe bei Gott keiner, käme es wieder so, dann käme es doch nicht so, sondern ganz anders.*
    Das bestätigt dann mein Nachdenken darüber.

    Fein, liebe Monika, ich mag ehrliche Diskussionen, deshalb habe ich auch diese Offenheit gewagt.

    Alles Liebe dir
    herzlichst wie immer
    deine Edith

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  14. Liebe rachel,
    ich teile deine ansicht nicht.

    Das übel beginnt oft im kleinen- in unbedachten äußerungen, die heruntergespielt werden, in ansichten, die fraglos übernommen werden.

    Ich unterstelle dir natürlich keinesfalls, dass du diesen traurigen teil unserer geschichte herunterspielst, ich schätze dich als einen sehr umsichtigen menschen, einen empathischen obendrein, aber ich denke, gerade wir, als schreibende, müssen besonders achtsam mit der sprache umgehen. Unsere taten nehmen ihren ausgang in worten. Worte sind niemals gering zu schätzen. Sie widerspiegeln unser denken.

    Und dabei spielt es für mich keine rolle, wer wo was wie handhabt- es kann immer nur die rede von menschen sein und nicht von ländern. Und auf die denke und die taten der menschen müssen wir achten. Und ihre worte.

    Jeder mensch ist für seine worte und in der folge für sein tun verantwortlich- und aus respekt vor all den menschen, die in den tod getrieben worden sind, nicht zuletzt durch eine pervertierte sprache, aus respekt vor all diesen menschen und weil ich der ansicht bin, dass unwissenheit nicht vor schuld schützt, habe ich diesen satz geändert, nachdem ich aufgeklärt worden bin.

    Ich meine, das ist unsere verdammte pflicht, rachel, als empatische und /nach/denkende menschen.

    Wir müssen es besser machen, tagtäglich, und dürfen niemals vergessen!
    Unabhängig von nationalität, konfession und geschlecht.

    Ich hoffe, du nimmst mir nun meine offenheit nicht krumm, aber unkommentiert kann ich deinen beitrag nicht stehen lassen

    Herzlichst,
    mo

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  15. eine sehr gute stellungnahme, liebe monika!
    herzlichst elisabeth

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