schluesselworte

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abgelegt und fortgegangen (c) Dieter Vandory

Dienstag, 22. November 2011

Ein alter Reisepass



Schlammiges Braun verziert mit goldenen Lettern. Selbst nach einem Vierteljahrhundert hat er nichts von seiner Scheußlichkeit verloren. Und dennoch war er einmal wertvoller als alles Gold dieser Welt.
Kraftvoll atmet mir auch heute noch das Papier entgegen. Ich rieche Armut, Angst und Tränen. Lauter Dinge, die es unter dem eingeprägten, ebenfalls goldenen Staatswappen offiziell nicht gab.

Mit spitzen Fingern durchblättere ich die Zeit und sehe die vielen vorgehaltenen Hände wieder, hinter denen sich der Unaussprechbare in ungenauen Flüsterworten verbarg: ihn hatte man beantragt, bekommen oder nicht, er war wieder in weite Ferne gerückt, man erwartete das Dokument in den nächsten Tagen, Monaten, Jahren, es war endlich da! Und manchmal musste man auch gar nicht flüstern. Manchmal genügte ein Schrei oder ein Leuchten der Augen, damit es alle wussten.

Ich höre mich immer noch schreien, wenn ich an jenen Tag zurückdenke, an dem ich ins Foyer des Studentenwohnheims, zu dem einzig verfügbaren Telefon gerufen wurde. Mutter sprach leise, sehr leise, so als ob die Abhörgeräte damit außer Betrieb gesetzt werden könnten. Beschwörend klangen ihre Worte. Ganz ruhig, mein Kind, bleib ganz ruhig, verstehst du mich, sagte sie. Aber ja doch, ja, ja, antwortete ich und wagte kaum zu atmen.
Wer ist gestorben, Mama?
Unsere Vergangenheit, mein Kind, sagte sie mit tonloser Stimme. Ich verstand immer noch nicht, vielleicht weigerte ich mich auch nur, zu begreifen, wieso war sie so gefasst, fragte ich mich stattdessen, wenn es doch offenbar etwas zu beklagen gab.

Seit wann verwendet Mutter eine metaphorische Sprache, wenn sie mit mir spricht, wunderte ich mich gerade noch, als sich mit einem Mal dieser Schrei löste, dieser hab-alles-begriffen-Schrei. Fiel durch den Hörer zu Mutter, die ihn nicht halten konnte, kehrte zurück, prallte an die Wände und landete schließlich wie ein Echo hundertfach verteilt mitten unter den redenden und lachenden Studenten.
Die plötzlich eingetretene Stille starrte mich aus wissenden Augen an.

Ich zitterte, während ich weiterhin versuchte, Mutters Stimme zu folgen, ihren Worten Inhalte zuzuordnen, ich erinnerte mich an signifiant signifié aus den Linguistik Stunden, das muss doch irgendwie klappen, dachte ich, und verstand doch nur, was mein Herz mir in die Schläfen trommelte: Du bist frei!

Was diese Freiheit bedeutete, sollte mir allerdings erst klar werden, als ich den Pass an einem nasskalten Novembertag in Empfang nehmen durfte. Und was sie gekostet hatte, das erfuhr ich Jahre später.

Ich durchblättere mit spitzen Fingern die Zeit.
Nichts ist verblasst im Laufe eines Vierteljahrhunderts.
Nicht die ungelenke Unterschrift, die ich damals mit blauer, chinesischer Tinte und feingliedrigem Füller, einem Geschenk meines Vaters, geleistet habe.
Nicht der Satz, der mich gleich in drei Sprachen für vogelfrei erklärte: rumänisch, russisch und französisch. Pour personnes sans citoyenneté  steht unverrückbar da, was so viel bedeutet, als dass ich nirgendwohin mehr gehörte. Und auch nicht die eingestempelten Durchreisevisa der Länder, die ich bis dahin nur dem Namen nach kannte.
Alles ist immer noch deutlich lesbar wie am Ausstellungstag.
Ich trug es, dieses heute noch stinkende Golddokument, in den nächsten Tagen und Wochen stets wie eine Trophäe bei mir und genoss meinen vorerst größten Triumph: eine Nacht im ausschließlich den zahlungskräftigen, ausländischen Studenten vorbehaltenen Wohnheim, in dem mein damaliger Freund wohnte.

Und was diese neue Freiheit denn nun gekostet hat?
Geld, das für Pass und Visa, für den Verzicht auf die eine Staatsbürgerschaft und den Erwerb einer neuen gezahlt wurde, lässt sich zählen. Selbst mit Gold nicht auszugleichen bleibt allerdings dieses lebenslange Gefühl, wie eine Ware verschachert worden zu sein. Und dabei etwas verloren zu haben. Etwas, was gemeinhin als Heimat bezeichnet wird.

Heute lebe ich in einer süddeutschen Stadt, von der ich einst großzügig adoptiert worden bin, besitze keinen gültigen Reisepass mehr und kenne dennoch mittlerweile eine Vielzahl von Ländern – nicht nur dem Namen nach.
Und im Übrigen versuche ich neuerdings, mich in einer Art inneren Heimat einzurichten, der einzigen wohl, die man nicht wieder verlieren kann, denke ich an guten Tagen, aber das ist dann wiederum eine andere Geschichte.



/c/ Monika Kafka, 2011

Kommentare:

  1. Das ist ein ganz, ganz starker, sehr authentischer und berührender Text, mit einer eindringlichen Sprache, liebe Mo, chapeau!

    Liebe Grüße
    deine di

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  2. Eine Geschichte mit dem genauen Dichterwort von ungenauen Flüsterworten - so verteilt die Sprache ihre Gaben an die Sprechenden in Kunst und Leben.

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  3. liebe diana,

    das freut mich, sehr!
    hab dank für deine worte.

    lg
    mo

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  4. oh lieber leo, wie schön du das formuliert hast!

    hab dank!

    lg
    monika

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  5. Der Mensch: er ist ein Wanderer in der Zeit,
    voll Neugier und motiviert Neues beginnend.
    Aber auch: sich seiner Wurzeln besinnend;
    so ist er flexibel, für Veränderungen bereit.

    Unser Leben scheint vom Schicksal bestimmt
    im Wechsel von Freuden und Unbehagen.
    So entsteht der Drang, Neues zu wagen
    und wer dem Alten flieht und Neues beginnt:
    Der braucht nicht vor der Zukunft zagen.

    Und: Heimatgefühl entsteht stets dort,
    wo man sich wohl fühlt, an jedem Ort.

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  6. Liebe Monika,
    ich bin aus der Heimat vertrieben, du bist ihr entfleucht, das Ergebnis ist das Gleiche: Ein Mensch ohne Heimat. Der DDR bin ich als Kind entronnen, bevor sie sich richtig etabliert hatte, habe sie aber auch später „genossen“, die Genossen, und kann mich von daher ein Stück weit in die angstvolle Spannung hinein versetzen, in der du bis zur Erteilung des Passes gelebt hast. Und den Moment der Erlösung habe ich körperlich gespürt.
    Das „Einrichten in der inneren Heimat“ ist das, was uns bleibt – und es funktioniert, nur manchmal kommt das Gefühl der Heimatlosigkeit hoch – das wird bei dir nicht anders sein.
    Dein Text hat mich sehr berührt, wegen des Inhalts und auch durch die wunderbare poetische Sprache. Danke.
    LG
    Till

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  7. lieber alfred,

    ja ja ... sowas wie ein heimatgefühl kann schon immer wieder entstehen ... glückliche fügungen haben das in meinem fall bewirkt, dennoch bleibt ein gewisses unbehagen und eine skepsis zurück bei wahrscheinlich vielen menschen, die ähnliches wie - und wohl auch schlimmeres als - ich erlebt haben.

    danke dir!

    lg
    monika

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  8. lieber till,

    hab dank für diesen wunderbaren kommentar, der mich sehr berührt hat.
    du hast es auf den punkt gebracht!

    dein lob, meine sprache betreffend, macht mich stolz und erfüllt mich gewisserweise auch mit genugtuung, sind doch die grundlagen für diesen ausdruck in den schulen jenes landes gelegt worden, das einst meine heimat war.

    lg,
    monika

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  9. Ich kann mich Till nur anschließen, was für eine Poesie in dieser Prosa, und wie man sich mit fürchtet...

    Herzlich,
    ELsa

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